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Wir Königinnen von Anja Gmeinwieser (Foto: Valerie Wagner)

„Wir Königinnen“: Ein Roadtrip mit Rindern durch Europa – Anja Gmeinwieser im Interview

Schon länger lag „Wir Königinnen“ auf meinem Stapel ungelesener Bücher (SuB), als ich die Folge mit Katharina Köller aufgenommen hatte. In der Folge sprach sie eine Lesempfehlung für den Debütroman von Anja Gmeinwieser aus und so befreite ich das Buch vom SuB und las. Ich wanderte mit der Ich-Erzählerin in den Piemonter Bergen und begab mich mit ihr und Anna, der LKW-Fahrerin auf den Roadtrip an die EU-Außengrenze.

Anja Gmeinwieser hat mit ihrem Debütroman „Wir Königinnen“ den Literaturpreis Fulda gewonnen. Im Gespräch erzählt sie, wie aus der Beobachtung eines Rindertransporter im Piemont ein Roadtrip durch Südosteuropa wurde, warum ihre Erzählerin namenlos bleibt, wie sie mit einer Übersetzungs-App Literatur macht und warum sie trotz Preis und Presseecho kein Social Media hat.

Zwei Frauen, ein Truck, keine gemeinsame Sprache

Die namenlose Ich-Erzählerin wandert durch die Piemonter Berge und kommt in einem verlassenen Dorf an. Sie will aus ihrem etwas zu guten Leben aussteigen und ist unterwegs, um Abstand zu gewinnen und die Bergeinsamkeit zu erleben. Sie hat ihr Handy weggeworfen, das liegt irgendwo in den Bergen. Eine für mich sehr überraschende Handlung, weil sie allein unterwegs ist. Mitten in der Einsamkeit, den verlassenen Dörfern, der fehlenden Infrastruktur, trifft sie auf Anna. Die muss einen Truck mit 24 trächtigen Rindern von Italien in die Türkei fahren. So startet ein Roadtrip durch Südosteuropa, mit Rindern und diesen beiden Frauen, die sehr unterschiedliche Hintergründe haben, nicht dieselbe Sprache sprechen und nur wenig Englisch. Doch sie tauschen sich mithilfe des Übersetzters in Annas Handy aus, streiten, wundern sich übereinander, kommen sich näher und stranden schließlich an der EU-Außengrenze.

Was „Wir Königinnen“ besonders macht

Asymmetrische Ich-Perspektive

Erzählt wird konsequent aus der Perspektive der namenlosen Ich-Erzählerin. Doch gerade sie bleibt auffällig konturlos, während Anna über Beschreibung und Dialog an Profil gewinnt. Verschärft wird diese Schieflage durch eine Übersetzungs-App, die die Verständigung der beiden immer wieder verzerrt und damit zum Stilmittel wird.

Sinnlich, körpernah, treffend

Ab dem ersten Satz bin ich dabei, ich rieche die Hitze, ich spüre die Kühle und es fröstelt mich: „Ich gehe weiter ins Dorf hinein, die Hitze macht an den ersten Häuser halt, ich bekomme Gänsehaut und finde es angenehm.“. Was die Ich-Erzählerin beschreibt, erlebe ich oft genug auf meinen Wanderungen: „Die einzigen Klänge mein Atem, meine Schritte, das Quietschen der Rucksackgurte.“. Die Einsamkeit von verlassenen Bergdörfern in einem Satz „Die Leute aus dem Wanderführer sind also fort.“

Tierethik, Systemkritik und weibliche Selbstbestimmung: Die großen Themen von „Wir Königinnen“

Als die Ich-Erzählerin auf Anna trifft und klar wird, dass 24 trächtige Rinder in die Türkei transportiert werden sollen, werde ich stutzig. Kann das wirklich sein? Eine absurde Vorstellung und doch irgendwie möglich, vermute ich. Ich recherchiere parallel zum Lesen und finde einen Artikel von Animals Angels aus dem Jahr 2021 „Kälbertransport aus der EU in die Türkei: Tiere mindestens 19 Stunden ohne Wasser – 30 Stunden kein Futter“.

Aktueller schrieb PETA über Tiertransporte im April 2026: „Jedes Jahr werden für die Ernährungsindustrie über eine Milliarde lebende Tiere auf Lastwagen quer durch Europa transportiert – die meisten von ihnen sind auf dem Weg zum Schlachthof.“ Da steht, dass Tiertransporte grundsätzlich acht Stunden lang sein dürfen, aber „Unter bestimmten Voraussetzungen kann die Transportdauer jedoch unbegrenzt verlängert werden (Langstreckentransporte)“. Zum Beispiel auf 24 Stunden mit ständigem Zugang zu Trinkwasser. Anna und die Ich-Erzählerin sind tagelang unterwegs, während des Lesens vergesse ich die Rinder und ich hab den Eindruck die Protagonistinnen auch.

Doch beiden Frauen ist bewusst, dass dieser Transport nicht zum Tierwohl geschieht. Die Kritik der Ich-Erzählerin kommentiert Anna mit: „Ich regiere nicht die Welt. Ich mache meinen Job.“.

Und dann erfahre ich doch etwas über die Erzählerin: „Menschen wie Anna kommen in meinem Leben fast nicht vor. Manchmal auf der anderen Seite meines Schreibtischs. Sie sitzen nicht in den gleichen Cafés wie ich, denn der Kaffee ist teuer dort, außerdem sitzen sie ja im Laster. Oder stehen an einer Maschine, einem Krankenbett und arbeiten. Menschen, die ich kenne, haben irgendwas studiert, arbeiten in gut bezahlten und häufig irrelevanten Jobs, geben Geld für Möbel und gutes Essen aus, […].“.

Auf dem Roadtrip erzählt Anna von sich, ihrer Familie, ihrer Tochter – und ihrem Chef. Der ruft gelegentlich an, fragt wo sie ist. Sie könne froh sein, wenn er zahlt, erzählt sie in die Übersetzungsapp. Angestellt ist sie in Litauen und fährt Rinder vom Piemont in die Türkei. Er könne sie nicht nicht bezahlen, meint die Erzählerin aus Sicht ihrer privilegierten Festanstellung. Hier wird deutlich, wie unterschiedlich die Arbeitsbedingugen der Frauen sind. Warum Anna nicht aufhören würde, fragt die Erzählerin. Sie brauche das Geld. Sie sieht ihre Familie nicht oft, aber lange krankschreiben lassen kann sie sich nicht, dann würde sie nicht bezahlt. Doch, das sei ein fundamentales Recht. Anna nähme lieber das Geld, als ein fundamentales Recht.

Diese übergeordneten Themen von „Wir Königinnen“ arbeitet Anja Gmeinwieser beeindruckend über die Dialoge der Figuren ein.

Für wen ist dieses Buch? 

  • Für alle, die beim Lesen mitdenken wollen: Leser:innen literarischer Gegenwartsromane, die gesellschaftliche Fragen nicht mit der Moralkeule, sondern subtil über Figuren verhandelt haben möchten.
  • Für alle, die sich mit Konsumverantwortung und Tierethik beschäftigen: ohne erhobenen Zeigefinger, dafür mit einer Figur, die das System durchschaut und trotzdem darin gefangen bleibt.
  • Für Fans ungewöhnlicher Frauenfreundschaften und Roadtrip-Geschichten: zwei sehr unterschiedliche Frauen, eine Übersetzungs-App, ein Truck voller Rinder und wie Nähe trotz Sprachbarriere entsteht.
  • Für alle, die sich selbst mal gefragt haben, ob sie eigentlich zufrieden sein müssten mit dem, was sie haben: ein Buch für Leute im „eigentlich müsste doch alles passen“-Milieu, die trotzdem eine leise Krise mit sich herumtragen.

Mein Fazit zu „Wir Königinnen“

Ein Roman für den ich eine Leseempfehlung ausspreche, weil es Anja Gmeinwieser gelungen ist, verschiedene Themen in eine Geschichte zu verpacken und Widersprüchlichkeit stehen lässt. Eins der seltenen Bücher, die ich nochmal lesen will.

Shownotes

00:00 Wir Königinnen: Ein Roadtrip mit Rindern durch Europa
00:51 Rezension zu Wir Königinnen von Anja Gmeinwieser
06:53 Buch-Podcast-Newsletter und Website
07:10 Über die Autorin Anja Gmeinwieser
13:33 Warum hat die Erzählerin keinen Namen?
19:53 Dialoge über eine Übersetzungs-App, warum?
23:01 Wie lange hast du geschrieben?
28:32 Wie lief die Recherche zum Tiertransport ab?
31:14 Animal Wellfare Foundation
35:50 Wenn’s erlaubt ist, wird’s gemacht
38:52 Eine Seite aus Wir Königinnen
41:15 Welche Rolle spielen Auszeichungen?
42:45 Wie steht es um Social Media fürs Buchmarketing
50:19 Buchempfehlung von Anja Gmeinwieser
50:31 Mein wahrer Name ist Elisabeth

Über die Autorin: Anja Gmeinwieser

Anja Gmeinwieser (© Linda Sier/Piper Verlag)

Anja Gmeinwieser wurde 1989 geboren. Nach einem Studium der Sozialen Arbeit sowie der Politik-, Theater- und Medienwissenschaften in München und Erlangen war sie als Sozialarbeiterin in der stationären Jugendhilfe tätig und begann  Kurzgeschichten zu schreiben, die auf Lesungen in und um Nürnberg zu hören waren. 2018/19 war einer meiner Texte auf der Shortlist des Wortmeldungen-Förderpreises, 2022/23 war sie Teilnehmerin der Romanwerkstatt des Literaturhauses München und 2023 Finalistin beim open mike. Ihr Roman „Wir Königinnen“ wurde mit dem Literaturpreis Fulda als bestes Debüt 2026 ausgezeichnet. Sie lebt als freie Schriftstellerin in der Nähe von Nürnberg und nimmt 2026/27 an der Drehbuchwerkstatt der HFF München teil.

Themen der Folge

  • Wie aus einer Wanderung im Piemont die Idee zum Roman wurde
  • Warum die Erzählerin bewusst namenlos bleibt
  • Anna, die Lkw-Fahrerin – zwischen Freiheit und lückenloser Überwachung
  • Kommunikation über eine unzuverlässige Übersetzungs-App
  • Recherche zu Tiertransporten: Spediteure, trächtige Färsen, die Animal Welfare Foundation
  • „Ich regiere nicht die Welt, ich mache nur meinen Job“ – im System gefangen und es trotzdem durchschauen
  • Der Literaturpreis Fulda und was er verändert hat
  • Social Media als Autorin – warum Anja Gemeinwieser bewusst darauf verzichtet
  • Rezensionen, Kritik und der Umgang damit

„Wir Königinnen“ von Anja Gmeinwieser

Erscheinungsdatum: 27.02.2026

224 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag

Verlag: Berlin Verlag

EAN: 978-3-8270-1528-0

Buchempfehlung von Anja Gmeinwieser

„Mein wahrer Name ist Elisabeth“ von Adèle Yon (Berlin Verlag) – eine biografische Recherche über die Lobotomie der eigenen Urgroßmutter.

Anja Gmeinwieser dazu im Interview:

„Ich fand es wahnsinnig aufwühlend und gut geschrieben […]. Ich glaube, wir waren halt einfach sehr, sehr lange keine Rechtssubjekte, sondern wir waren Inventar.“

Erscheinungsdatum: 03.07.2026

Übersetzung: Sula Textor

432 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag

Verlag: Berlin Verlag

EAN: 978-3-8270-1542-6

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