Eine kritische Einordnung
Seit YouTube in den USA die meistgenutzte Podcast-Plattform ist und in Deutschland auf Platz zwei liegt, drängt sich in der deutschsprachigen Szene eine Frage immer stärker auf: Muss ich jetzt auch Video machen? Die kurze Antwort lautet: Nein. Jedenfalls nicht, wenn du unabhängige Audio-Podcasts machst.
Dieser Beitrag vertritt eine klare These: Video-Podcasts sind überflüssig. Podcasts sind Audio. Damit das nicht bloß meine Meinung bleibt, stütze ich diese Position mit Studien und Zahlen. Die Quellen zu den Zahlen, Daten und Fakten setze ich ans Ende des Textes. Die Beweiskette ist einfach: Wie werden Podcasts genutzt? Wie werden Videos genutzt? Und was folgt daraus für YouTube?
Dieser Beitrag wurde erstmals im Februar 2025 veröffentlicht. Ich habe ihn vollständig überarbeitet und aktualisiert.
Was ist überhaupt ein Podcast?
Ein Podcast ist im Kern eine Technologie: Sie macht Audiodateien, seltener auch Videodateien, über einen RSS-Feed abonnierbar. Genau diese Abonnierbarkeit über einen offenen, plattformunabhängigen Feed ist das definierende Merkmal – nicht das Bewegtbild.
Wer eine Videodatei hochlädt, veröffentlicht ein Video, keinen Video-Podcast. Diese begriffliche Genauigkeit ist nötig. Sie trägt die ganze Argumentation. Wer über „Video-Podcasts“ streitet, ohne zuerst zu klären, was ein Podcast ist, diskutiert am Thema vorbei. Es lohnt sich, nicht den Marketing-Logiken der Plattformen zu folgen, sondern auf das zu schauen, was das Medium ausmacht. Und auf die Frage, ob hier Formate sinnvoll vermischt werden oder nicht.
Die Wirklichkeit der Nutzung: Wie Podcasts tatsächlich gehört werden
Wer das Wesen des Podcasts verstehen will, muss auf die Alltagssituationen schauen, in denen Menschen Podcasts nutzen. Daten des Online-Audio-Monitors sowie der Podstars-by-OMR-Podcast-Studie zeigen klar: Podcasts sind ein klassisches Begleitmedium. Sie laufen dort, wo die Augen beschäftigt sind, die Ohren aber frei.
- Hausarbeit und Kochen machen rund 60 bis 65 Prozent aus. Hände und Augen sind gebunden, gehört wird trotzdem konzentriert.
- Unterwegs und beim Pendeln liegt der Anteil bei etwa 50 bis 55 Prozent. Im Auto, in Bus und Bahn oder zu Fuß bleibt der Blick bei der Umgebung.
- Entspannung und Einschlafen erreichen rund 40 Prozent. Hier verzichten viele bewusst auf visuelle Reize, um die kognitive Belastung zu senken.
Ein Video-Podcast bricht fundamental mit diesem tief verankerten Nutzungsverhalten. Wer kocht, Auto fährt oder joggt, kann nicht auf ein Display starren. Die visuelle Ebene schließt die primären Nutzungssituationen des Mediums damit faktisch aus.
Das Paradox des stummen Videos
Wer dem Video-Podcast trotzdem die Zukunft zuschreibt, muss erklären, warum Menschen Videos oft gar nicht so nutzen, wie dieses Format es voraussetzt. Schon 2016 stellte Facebook intern fest, dass rund 85 Prozent der Nutzer:innen Videos stumm schauen. Spätere, breiter angelegte Erhebungen bestätigen das Muster, auch wenn die exakten Werte je nach Plattform und Endgerät schwanken:
- Sprout Social schrieb 2026, die große Mehrheit scrolle in der Öffentlichkeit mit stummgeschaltetem Ton durch den Facebook-Feed. Videos müssten deshalb für den „sound-off“-Konsum gestaltet sein, also mit Text-Overlays und Untertiteln.
- Verizon Media und Publicis Media kamen 2019 zu dem Ergebnis: 69 Prozent der US-Verbraucher:innen schauen Videos in der Öffentlichkeit ohne Ton, 25 Prozent auch im privaten Umfeld. 80 Prozent sehen ein Video eher bis zum Ende, wenn Untertitel verfügbar sind. Grundlage war eine Online-Befragung mit 5.616 Personen.
- Eine viel zitierte interne Facebook-Auswertung von 2016 kam auf rund 85 Prozent stumm gesehener Videos. Die genaue Zahl wurde allerdings nie offiziell veröffentlicht und sollte deshalb nur als Richtwert gelten.
Darin liegt das eigentliche Paradox: Podcasts beruhen vollständig auf gesprochenem Wort, auf Stimme, Nuancen und Tonalität. Sie ausgerechnet in eine Umgebung zu drängen, in der ein großer Teil der Inhalte stumm läuft, kollidiert frontal mit dem eingeübten Nutzerverhalten. Wer ein Video-Podcast-Snippet im Feed sieht, schaut meist lautlos. Genau da geht verloren, was das Medium Podcast ausmacht.
Die Sonderrolle von YouTube: Suchmaschine statt Rezeptionsmedium
Das stärkste Argument der Befürworter:innen ist die Marktmacht von YouTube. Laut aktuellen Erhebungen, etwa von Cumulus Media und Signal Hill Insights, ist die Plattform weltweit der wichtigste Ort, um neue Podcasts zu entdecken. Anders als im klassischen Social Feed werden Inhalte hier gezielt gesucht und meist mit eingeschaltetem Ton aufgerufen.
Bei genauerem Hinsehen belegt YouTube aber nicht das Format „Video-Podcast“. YouTube ist vielmehr eine hocheffiziente Such- und Marketingmaschine für rein auditive Inhalte. Zwei Befunde aus der Publikumsforschung stützen das.
- Erstens: Background Listening. Der Podcast-Report von Sounds Profitable zeigt, dass fast die Hälfte, nämlich 47 Prozent, der Nutzer:innen, die Podcasts auf YouTube hören, das Bild komplett ignoriert. Das Video läuft im Hintergrund oder minimiert. Ein Video-Podcast erzeugt also Produktionskosten für eine Ebene, die die Hälfte des Publikums gar nicht wahrnimmt.
- Zweitens: YouTube als Konvertierungskanal. Daten aus der Forschung von Sounds Profitable und Signal Hill zeigen, dass rund 72 Prozent der neuen Hörer:innen mit dem Audio-only-Konsum einer Show begannen, nachdem sie deren Video-Version entdeckt hatten. YouTube ist das Schaufenster. Die langfristige Bindung entsteht im auditiven Raum.
Kurz gesagt: YouTube ist ein Katalysator für Auffindbarkeit. Die Plattform beweist nicht, dass Hörer:innen Podcasts sehen wollen. Sie zeigt nur, dass die Audio-Branche die Suchmechanismen von YouTube nutzen sollte, ohne die Identität des Podcasts als blindes Medium aufzugeben.
Die Pro-Video-Argumente – und warum sie nicht tragen
„Video schafft durch sichtbare Mimik mehr Nähe.“
In der Medienpsychologie gibt es das „Theater of the Mind“, das Kino im Kopf. Eine Untersuchung des University College London zeigte, dass rein auditiver Inhalt eine messbar höhere emotionale und physiologische Intensität auslöst als dieselbe Geschichte als Video. Gemessen wurden Herzfrequenz und Hautleitfähigkeit. Ohne visuelle Ablenkung entwirft das Gehirn die Szenerie selbst. Die Stimme dringt tiefer ins Bewusstsein und bindet stärker als das statische Bild von zwei Personen am Studiotisch.
„Video-Podcasts erzielen über Algorithmen mehr Reichweite.“
Hier werden Marketing-Werkzeug und Produkt verwechselt. Kurze Snippets, Reels oder TikToks eignen sich sehr gut für die Entdeckung am oberen Ende des Trichters. Ein flüchtiger, meist stummer View schafft aber keine treuen Hörer:innen. Die Umwandlung in ein loyales Abo, das eine 60-minütige Folge hört, findet auf Audio-Ebene statt. Während Videos hohe Absprungraten haben, erreichen reine Audio-Podcasts oft Durchhörquoten von 70 bis 80 Prozent. Das sind mit die höchsten Bindungsraten in der Medienlandschaft. Video wirbt, Audio bindet.
„Die Plattformen pushen Video – also gehört ihm die Zukunft.“
Diese Entwicklung folgt keinem originären Nutzerbedürfnis, sondern ökonomischen Interessen. Plattformen verdienen an „Screentime“. Nur wer aufs Display schaut, sieht profitable Display- und Video-Anzeigen. Das ist eine künstliche Verschiebung des Formats zu Werbezwecken. Daten von SiriusXM Media zeigen zudem, dass die große Mehrheit die Videofunktion ignoriert, das Smartphone wegsteckt und den Inhalt trotzdem rein auditiv nutzt.
Die praktischen Kosten von Video
Video treibt die Produktionskosten nach oben. Kameras, Licht und Schnittsoftware machen aus einem Projekt mit Mikrofon und einfacher Software schnell ein aufwendiges Videoprojekt.
Zugleich leidet oft die Audio-Qualität. Der Fokus auf das Bild schwächt nicht selten den Ton. Akustik und Sprachqualität, also das Herzstück eines guten Podcasts, geraten ins Hintertreffen.
Hinzu kommt: Ein echter Mehrwert entsteht nicht. Podcasts sind ideale Nebenbei-Medien. Video-Podcasts lenken von dieser Stärke ab und schränken die Flexibilität ein. Dazu ein nüchterner Reality-Check: Auf Spotify sind gerade einmal rund 500.000 Video-Podcasts aktiv – nur etwa 13,89 Prozent aller dort angebotenen Podcasts. Im Februar 2025 waren es noch 300.000 Video-Podcasts. Lange durften nur Hosting-Kund:innen der Plattform Video hochladen; 2024 wurde das gelockert. Ein weiteres Indiz dafür, dass hier eine Plattform ein Format pusht und nicht das Publikum es einfordert.
Was Hörer:innen wirklich wollen: Inhalt vor Format
Podcasts sollten sich vor allem über Inhalte weiterentwickeln, nicht über unnötige Änderungen des Formats. Laut Umfragen suchen 67,5 Prozent der Hörer:innen nach fundierten Hintergründen und gut recherchierten Inhalten, nicht nach visuell ansprechendem „Blabla“. Formate wie „True Criminology“ oder „HerStory“ zeigen, dass kluge Recherche den eigentlichen Mehrwert schafft, auch ohne große Redaktionen oder aufwendige Videoproduktion.
Eine Gemeinschaftsstudie, unter anderem von Acast, Audio Alliance, Studio Bummens und Seven One Audio, stützt das auch wirtschaftlich: Audio-Podcasts wächst in Deutschland stetig, erreicht bis zu 150 Prozent stabilere Durchhörraten und erzielt über Host-Read-Ads eine bis zu zwölfmal höhere Monetarisierung als Standard-Video-Werbung. Der offene RSS-Feed sorgt zudem für plattformunabhängige Verbreitung, also für Freiheit und Flexibilität.
Fazit: Warum Video-Podcasts überflüssig sind
Video-Podcasts sind kein Fortschritt. Sie sind ein überflüssiger, plattformgetriebener Trend, der den Kern des Mediums verwässert. Die Nutzungsdaten zeigen, dass eine visuelle Ebene nicht nötig ist. Das Paradox des stummen Videos legt den Widerspruch zwischen Audio-Inhalt und visuellem Konsum offen. Und YouTube erweist sich als Discovery-Engine, nicht als Beleg für einen Wunsch, Podcasts sehen zu wollen.
Produzent:innen sollten sich entscheiden: entweder Video oder Audio. Beides zu vermischen, überzeugt nicht. Wer Podcasts wirklich liebt, konzentriert sich auf das Wesentliche: exzellente Inhalte fürs Gehör. Darum geht es. Um die Kraft der Stimme und um die Qualität der Geschichten, die erzählt werden.
Weitere (kritische) Stimmen zum Thema Video-Podcasts
- Niklas Münch, freier Journalist für Podcasts und Radio, fragt: „Droht eine Spaltung der Podcast-Branche?“ und plädiert dafür, die kreative Freiheit zu bewahren.
- Laura Dath-Lienenkämper betont in ihren „Podcast-Gedanken 2025“, dass Video nicht für jeden Podcast geeignet ist und kleinere Formate ohne Video keinen Nachteil haben sollten.
Was hältst du davon – Hype oder Fortschritt? Schreib es ins Kommentarfeld und lass uns drüber reden.
Quellen
Cumulus Media, & Signal Hill Insights. (2025). Podcast Download – Spring 2025 Report. Cumulus Media | Westwood One. https://www.cumulusmedia.com/2025/06/16/cumulus-media-and-signal-hill-insights-release-podcast-download-spring-2025-report/
Online-Audio-Monitor (OAM). (2025). Bericht zum Online-Audio-Monitor 2025. https://www.online-audio-monitor.de/wp-content/uploads/Bericht-OAM_2025.pdf
Richardson, D. C., et al. (2020). Engagement in video and audio narratives: contrasting self-report and physiological measures. Scientific Reports, 10, 11298. University College London. https://www.nature.com/articles/s41598-020-68253-2
Sounds Profitable. (2025). The Podcast Landscape 2025: Maturity, Growth, and What Comes Next. https://soundsprofitable.com/article/maturity-growth-next/
Sprout Social. (2026). Social Media Video Statistics To Know. Sprout Social Insights. https://sproutsocial.com/insights/social-media-video-statistics/
Verizon Media, & Publicis Media. (2019). Captions study (Online-Befragung, n = 5.616 US-Erwachsene). Zusammenfassung bei 3Play Media. https://www.3playmedia.com/blog/verizon-media-and-publicis-media-find-viewers-want-captions/
FAQ: Video-Podcast – Muss ich wirklich auf YouTube?
Was ist der Unterschied zwischen einem Video-Podcast und einem normalen Podcast?
Ein Podcast ist per Definition ein Audio-Format, das abonniert und über RSS-Feed abgerufen wird – unabhängig von Plattformen. Ein Video-Podcast fügt diesem Format eine Bildebene hinzu, meist in Form einer Kameraaufnahme der Aufnahmesituation. Für die Hörerinnen und Hörer ändert sich dabei inhaltlich nichts – die Frage ist, ob der visuelle Mehrwert den produktionstechnischen Mehraufwand rechtfertigt.
Muss ich als Podcasterin 2026 auf YouTube gehen?
Nein. Laut RMS (Radio Marketing Service) Podcast-Studie 2026 hören 46 % der deutschen Podcast-Nutzenden im Auto und 28 % beim Spazieren – beides Situationen, in denen Video nicht nutzbar ist. Die treueste Hörerschaft, die sogenannten Heavy User, ist überdurchschnittlich mobil. Video erreicht diese Zielgruppe strukturell nicht.
Ist YouTube jetzt die wichtigste Podcast-Plattform?
In Deutschland liegt YouTube bei der Podcast-Nutzung laut Online-Audio-Monitor 2025 fast gleichauf mit Spotify (50,9 % gegenüber 51,1 %). Für bestehende Audio-Podcasts bedeutet das aber keinen automatischen Handlungsbedarf: YouTube-Nutzung für Podcasts und das Schauen von Video-Podcasts sind nicht dasselbe. Viele Hörerinnen und Hörer spielen Podcasts auf YouTube im Hintergrund ab.
Verdoppelt ein Video-Podcast wirklich den Aufwand?
Ja, in der Regel schon – und oft mehr. Zu Schnitt und Mastering kommt Videoschnitt, Farbkorrektur, Thumbnail-Produktion, Upload-Management auf einer weiteren Plattform und häufig auch die technische Einrichtung einer Kamera-Infrastruktur. Für Solo-Podcasterinnen ohne Team ist das ein erheblicher Mehraufwand, der Zeit bindet, die stattdessen in Inhaltsqualität fließen könnte.
Wie entscheide ich, ob Video-Podcast das Richtige für mich ist?
Die entscheidende Frage ist nicht, was Plattformen gerade pushen, sondern was deine Hörerinnen und Hörer brauchen. Wenn dein Podcast primär unterwegs gehört wird, wenn deine Zielgruppe Audio als Nebenbei-Medium nutzt und wenn dein Format nicht visuell lebt, spricht wenig für Video. Investiere stattdessen in Klangqualität, Struktur und inhaltliche Tiefe – das ist es, wofür Audio-Podcasts stehen.
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