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Am Anfang dachte ich: Eine Nachbarschaftsgeschichte. Man hilft sich, am Ende wird alles gut. Fast wie ein Wohlfühlroman – und das meine ich nicht abwertend. Doch je weiter ich las, desto klarer wurde: Hier läuft einiges schief. Was als Erzählung über zufällige Fürsorge beginnt, entwickelt sich zu einer schmerzhaft ehrlichen Auseinandersetzung mit Mutterschaft, Isolation und den Grenzen der Belastbarkeit.
Rezensionsexemplar: Ullstein List hat mir dieses Buch kostenlos für meine journalistische Recherche zur Verfügung gestellt.
Worum geht es in „Pina fällt aus“?
Der Titel sagt es: Pina fällt aus. Und genau das passiert.
Beim Lesen fragte ich mich: Würde ich merken, wenn bei meinen Nachbarn etwas nicht stimmt? In unserem Haus leben 16 Parteien – Familien, Paare, Alleinstehende. Wir grüßen uns, begegnen uns im Keller beim Wäscheaufhängen oder im Hof, wenn wir kommen und gehen. Aber was, wenn jemand Hilfe braucht?
Vera Zischkes zweiter Roman erzählt von Pina und ihrem Sohn Leo. Leo ist 20, autistisch und lebt in seiner eigenen Welt. Sein Alltag folgt festen Abläufen – bis Pina nicht vom Einkaufen zurückkehrt. Zu diesem Zeitpunkt ist Leo bei Inge, der älteren Nachbarin. Doch bald müssen auch die 16-jährige Schulabbrecherin Zola und der zurückgezogene Wojtek einspringen.
Pina, die seit 20 Jahren allein für Leo sorgt, bricht auf der Straße zusammen und landet im Krankenhaus. Danach tritt sie fast nur noch am Anfang und Ende der Geschichte auf. Das hat mich fasziniert: eine Protagonistin, die tatsächlich ausfällt und damit den anderen die Bühne überlässt.
Jetzt sind die Nachbarn gefragt – ob sie wollen oder nicht:
- Inge, 86, die mit dem Leben eigentlich abgeschlossen hat und Leo zunächst bei sich aufnimmt.
- Wojtek, der sich am liebsten in seiner Wohnung verkriecht.
- Zola, die kratzbürstige Teenagerin, die mich beim Lesen oft genervt hat. Mehr als einmal dachte ich: Was bist du denn für eine?
Vera Zischke baut die Spannung meisterhaft auf. Sie lässt quälend lange offen, wann endlich jemand nach Pina sieht. Ich saß da und dachte: Kann jetzt bitte mal jemand ins Krankenhaus gehen? Am liebsten wäre ich selbst ins Buch gesprungen.
Anfangs wirkte das Buch wie ein Wohlfühlroman, fast ein bisschen Rosamunde-Pilcher-mäßig – und das meine ich nicht abwertend: Am Ende wird alles gut, die Nachbarschaft hält zusammen. Doch je weiter ich las, desto deutlicher wurde: Hier stimmt etwas nicht.
Der Roman zeigt, wie wenig Unterstützung pflegende Eltern oft haben. Er fordert nichts, er legt nur offen, wer einspringt – und wo die Lücken klaffen. Eigentlich müsste es ein Netz geben, organisiert von Stadt oder Staat. Doch gerade weil dieses Netz im Buch fehlt, wird klar: Es existiert nicht.
Die geplante Pflegereform ist ein schlag ins Gesicht von pflegenden Eltern
Vera Zischke ist pflegende Mutter und sagt in einem Instagram-Reel, es sei in unserer Gesellschaft nicht vorgesehen, dass pflegende Mütter (und Eltern) ausfallen. Die Pläne der Bundesregierung zur Pflegereform verdeutlichen das: (Das Reel hörst du in der Podcastfolge)
- Massive Kürzung der Rentenbeiträge: Die Pflegekasse soll künftig nur noch bis zu 70 Prozent der bisherigen Rentenversicherungsbeiträge für pflegende Angehörige übernehmen. Für Eltern bedeutet dies spürbar geringere Rentenansprüche im Alter. Je nach Pflegegrad entgehen Betroffenen laut Berechnungen monatlich über 40 Euro Rentenzuwachs pro Pflegejahr.
- Halbiertes Pflegegeld zu Beginn: Nach der Erst-Einstufung in die Pflegegrade 2 oder 3 soll das Pflegegeld in den ersten drei Monaten nur zur Hälfte ausgezahlt werden. Das trifft Eltern genau in der ohnehin belastenden und bürokratischen Phase der Pflegeorganisation.
- Kürzungen bei Entlastungsleistungen: Bei Pflegegrad 1 droht die Streichung des Entlastungsbetrags, zudem soll die wichtige Verhinderungspflege vollständig gestrichen werden. Damit fallen flexible Budgets weg, die Eltern dringend für kurze Pflegepausen, eigene Krankheit oder Erholungszeiten benötigen.
- Härtere Hürden für Pflegegrade: Die Schwellenwerte für die Pflegegrade 1 bis 3 sollen verschärft werden. Schätzungsweise 120.000 Betroffene weniger würden dadurch überhaupt einen Pflegegrad erhalten, wodurch viele betroffene Familien leer ausgehen.
Themen dieser Folge
- Wie Veras eigenes autistisches Kind die Idee zu „Pina fällt aus“ geprägt hat
- Nachbarschaftliche Solidarität: Wer springt ein, wenn eigentlich niemand zuständig ist?
- Die blinden Flecken im System für Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen
- Die geplante Pflegereform und wie sie Veras eigene Familie konkret betrifft
- Veras dritter Roman: der verworfene Ehe-Roman und die Kehrtwende danach
Über die Autorin

Vera Zischke wurde 1980 im Rheinland geboren, ist ausgebildete Journalistin und zweifache Bestsellerautorin. Ihre Romane treffen einen Nerv. Ihr Debütroman „Ava liebt noch“ über die Erschöpfung der Mütter war eines dieser seltenen Bücher, das als Geheimtipp begann und dann zum bundesweiten Phänomen wurde, inklusive der Gründung von mindestens fünf Buchclubs. Ihr zweiter Roman „Pina fällt aus“ zeigt die Isolation von Menschen mit Behinderung und ihren Angehörigen und platzt mitten in die Debatte um die Pflegereform. Vera Zischke lebt in einem Drei-Generationen-Haushalt im Ruhrgebiet. Sie ist selbst dreifache Mutter und pflegende Angehörige.
Shownotes
00:01 Pina fällt aus: Wenn die Mutter ausfällt, wer springt ein?
00:37 Rezension zu Pina fällt aus von Vera Zischke
07:11 Über die Autorin Vera Zischke
08:37 Über Vera Zischke
08:57 Schreiben und Journalismus
09:03 Folge zu Ava liebt noch
09:11 Zwei Mal zu Gast im Bücherstaplerinnen Podcast
09:52 Schon immer geschrieben
13:04 Immer eine persönliche Geschichte
15:04 Welchen Anteil hatte die Nachbarschaft?
16:12 Darum gehts in Pina fällt aus
18:28 Wie gut kenne ich meine Nachbarschaft?
23:56 Wen lernen wir in Pina fällt aus kennen?
30:24 Kein sortierter Schreibprozess
32:58 Mein erster Gedanke, ach kuck ein Wohlfühlroman
34:51 Ein blinder Fleck
35:13 Es geht nur um Unterbringung und nicht um Förderung
43:03 Ein Porträt in der Süddeutschen Zeitungen
49:09 Vera liest eine Seite aus Pina fällt aus
57:44 Roman drei – nochmal auf Anfang
58:45 Ehe-Routinen
01:01 Das eigene Schreiberlebnis
01:04 Outline von Rachel Cusk
01:05 Kaum Dramaturgie
01:06 Fluss der Wunder von Ann Pachett
Buchdaten auf einen Blick
Pina fällt aus von Vera Zischke
Verlag: List Hardcover (Ullstein Buchverlage)
Seiten: 304
ISBN: 9783471370063
Erscheinungstag: 26.03.2026
Preis: DE 21,99 €, AT 22,70 €
Pina fällt aus von Vera Zischke

Buchempfehlung von Vera Zischke

Fluss der Wunder von Ann Patchett
Erscheinungsdatum: 28.01.2012
Übersetzung: Werner Löcher-Lawrence
384 Seiten
Verlag: Berlin Verlag
EAN: 978-3-8270-7510-9
Eine eigenwillige Forscherin im Amazonas hat ein Naturvolk gefunden, das sich noch mit 70 fortpflanzen kann. Ein Pharmakonzern wittert das große Geld, die Forscherin ist verschwunden und verweigert Berichte. Eine junge Wissenschaftlerin wird hingeschickt – ohne dass jemand weiß, dass die Forscherin ihre Professorin war und es zwischen ihnen nicht gut lief. Veras Urteil: spannend, geheimnisvoll, faszinierender Regenwald, und viele Themen zum Andocken.
Weitere Beiträge zu „Pina fällt aus“ von Vera Zischke
Vera Zischke – „Pina fällt aus“ auf Deutschlandfunk Nova
Vera Zischke – Pina fällt aus auf WDR 2 Lesen
Das perfekte Buch für den Moment……wenn du Normalsein langweilig findest
Berührender Roman über eine sorgende Hausgemeinschaft: „Pina fällt aus“ auf NDR Kultur
Vera Zischke war schon oft bei mir im Podcast zu Gast. Hier findest du weitere Folgen:
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