Was geschieht, wenn gut gemeinte Umweltpolitik in absurde Realität umschlägt? Gaea Schoeters verwandelt in ihrem neuen Roman „Das Geschenk“ eine reale diplomatische Provokation in eine brillante Politsatire: Botswanas Angebot von 20.000 Elefanten an Deutschland wird zur literarischen Parabel über die Widersprüche westlicher Moral und kolonialer Denkstrukturen. Mit scharfem Blick für politische Heuchelei und einem Gespür für groteske Wendungen entlarvt die belgische Autorin, wie schnell symbolische Gesten zu handfesten Krisen werden können und dabei sowohl die Absurdität der Realpolitik als auch die komplexen Verstrickungen zwischen Europa und Afrika offenlegen.
Botswana will Deutschland 20.000 Elefanten schenken
Über dem Kamin meines Großvaters hing lange Zeit ein Elefantenstoßzahn. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob der echt war oder aus Plastik, ob es eine Jagdtrophäe war oder er ihn irgendwo gekauft hatte. Jedenfalls hing der Stoßzahn sehr präsent im Wohnzimmer meiner Großeltern. An diesen Stoßzahn musste ich unvermittelt denken, als Gaea Schoeters neuer Roman „Das Geschenk“ veröffentlicht wurde.
Schon bei meiner Recherche für eine Rezension zu Schoeters Debütroman „Trophäe“ bin ich auf einen Bericht aus Botswana gestoßen. Im April 2024 bot der botswanische Präsident Mokgweetsi Masisi Deutschland 20.000 wilde Elefanten an.
Die Kleine Anfrage
Der Ärger entstand wegen eines EU-Gesetzes, das Deutschland verschärfen wollte. Die damalige deutsche Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne) befürwortete nämlich weitere Einfuhrbeschränkungen für Jagdtrophäen.
Im Mai 2024 antwortete die Bundesregierung auf die Kleine Anfrage: „Auf EU-Ebene wird derzeit nicht über ein Einfuhrverbot für Jagdtrophäen diskutiert.“. Währenddessen hatte Belgiens Parlament im Januar 2024 einstimmig für ein Einfuhrverbot von Jagdtrophäen gestimmt. Diese Entscheidung könnte ein Grund für die Reaktionen aus Botswana gewesen sein.
„Trophäe“ von Gaea Schoeters ist im Zsolnay Verlag erschienen und wurde in 14 Sprachen übersetzt. Die Autorin wurde für das Werk mit dem Literaturpreis Sabam for Culture ausgezeichnet.
Eine literarische Jagd auf die menschliche Moral
„Trophäe“ von Gaea Schoeters hat mich gefesselt und verstört zugleich. Hunter White jagt in Afrika seine „Big Five“ – doch was passiert, wenn ihm eine andere „Beute“ vorgeschlagen wird? Ab diesem Moment musste ich das Buch immer wieder weglegen…
Trotzdem ist es ein Meisterwerk. Schoeters schafft es, mich in den Kopf einer völlig unsympathischen Figur zu bringen und gewährt dabei einen brutalen Blick auf Neokolonialismus und unseren „weißen Blick“ auf Afrika. Sprachlich brillant – ich fühlte tatsächlich, was Hunter fühlte, und das war erschreckend!
Die belgische Autorin erklärte mir im Interview: „Wenn wir nicht versuchen, Menschen zu verstehen, die völlig anders sind als wir, gibt es kein Gespräch – und ohne Gespräch kann niemand seine Meinung ändern.“
Bei meiner Recherche stieß ich auf schockierende Fakten: Deutschland ist zweitgrößter Importeur von Jagdtrophäen, nur 3-5% der Jagdeinnahmen erreichen afrikanische Gemeinden, während Fototourismus 48 Milliarden US-Dollar bringt – im Vergleich zu 132 Millionen US-Dollar aus der Trophäenjagd.
Ein verstörendes, aber wichtiges Buch über Macht, Moral und die Abgründe der menschlichen Natur.
Hier geht es zu meiner vollständige Rezension und einem Kurzinterview mit Gaea Schoeters.
Ein Geschenk, das niemand will
Die belgische Autorin Gaea Schoeters verwandelt Botswanas Angebot an Deutschland in eine originelle Romanidee „Das Geschenk“: 20.000 Elefanten tauchen fiktiv in Berlin auf. Die Dickhäuter baden in der Spree, durchstreifen den Tierpark und verursachen Verkehrschaos.
Bundeskanzler Hans Christian Winkler erkennt schnell: Eine Lösung muss her. Zunächst 38 Elefanten, dann 55, „von der Dunkelziffer ganz zu schweigen“, bemerkt der Präsident des Bundesnachrichtendienstes in der ersten Krisensitzung, die Otto Berg, der Chef des Bundeskanzleramts, eilig einberuft.
In „Das Geschenk“ entfaltet sich eine politische Satire über die Folgen gut gemeinter, aber kurzsichtiger Umweltpolitik. Als Deutschland ein Elfenbeinimportverbot erlässt, reagiert Botswanas Präsident Tebogo drastisch: Er „schenkt“ Deutschland 20.000 Elefanten.
In einem bitterironischen Videogespräch mit Winkler entlarvt Tebogo die Widersprüche westlicher Umweltpolitik. Botswana leidet unter einer Elefanten-Überpopulation von 130.000 Tieren, die Ernten zerstört, Menschen tötet und die Bevölkerung hungern lässt. Während Deutschland moralische Überlegenheit demonstriert, ignoriert es die realen Probleme vor Ort. Das Importverbot entzieht dem Land wichtige Einnahmen aus der regulierten Jagd, die sowohl dem Artenschutz als auch der Bevölkerung zugutekommen.
Gaea Schoeters nutzt diese absurde Ausgangslage, um die Komplexität von Umwelt- und Entwicklungspolitik zu beleuchten und den Konflikt zwischen westlichen Idealvorstellungen und afrikanischen Realitäten zu thematisieren und entwickelt eine vielschichtige Politsatire. Die Szene zeigt die satirische Schärfe des Romans, der die unbeabsichtigten Konsequenzen politischer Symbolpolitik aufs Korn nimmt.
„Magic, my dear friend. Aber lassen Sie mich deutlich werden: Kommen Sie bloß nicht auf die Idee, sie einzusperren. Jeder Elefant, dem auch nur ein einziger Stein in den Weg gelegt wird, wird sich verdoppeln. Sie müssen sich frei bewegen können und so viel Platz bekommen, wie sie brauchen. Die Bevölkerung muss sich eben anpassen. Alles für die Elefanten. Schließlich stehen diese Tiere unter Artenschutz, also ist ihr Wohlbefinden von allergrößter Wichtigkeit. Viel Spaß damit! “ Er grinst noch ein letztes Mal, dann wird der Bildschirm schwarz.
Aus „Das Geschenk“ von Gaea Schoeters
Politische Reaktionen auf die „Elefantenkrise“
Ein deutscher Krisenstab formiert sich, hektische Betriebsamkeit bricht aus, und ein Ministerium für Elefantenangelegenheiten entsteht. Die Autorin zieht Parallelen zur Corona-Pandemie und verspottet die üblichen politischen Reflexe: Machbarkeitsstudien werden in Auftrag gegeben, das Narrativ muss gedreht werden, um aus der Bedrohung eine Chance zu machen, Symbole werden gesucht, auf Menschlichkeit gesetzt, selbst wenn das ein Tempolimit für Elefanten bedeutet.
Die praktischen Herausforderungen sind immens: 20.000 Elefanten können nicht alle in Berlin bleiben und müssen fair verteilt werden. Hier lässt Schoeters sogar das berühmte „Wir schaffen das“ fallen. Gleichzeitig nutzen rechte Parteien die „Elefantenkrise“ für ihre Zwecke. Warum soll sich Deutschland wegen Elefanten verändern? Die persönlichen politischen Interessen der Akteure kommen nicht zu kurz, wenn sich etwa der Kanzler Rat bei der Alt-Kanzlerin im Bademantel holt.
Gesellschaftskritik mit Humor: Schoeters‘ meisterhafte Satire
Die Autorin stellt fundamentale Fragen: Wie blicken wir Europäer auf die von uns mitverantworteten Probleme Afrikas, und wie stark prägt uns noch immer koloniales Denken? Zudem thematisiert sie die strukturelle Unfähigkeit der Politik zu langfristigen Veränderungen, wenn jede Entscheidung innerhalb einer Wahlperiode Belohnungen abwerfen muss.
Schoeters zeigt brillant, wie sich die anfangs absurde Situation zu einem politischen Albtraum entwickelt. Tag 101 nach der „Elefantenkrise“ offenbart das ganze Ausmaß des Chaos: Täglich fallen 2000 Tonnen Elefantenkot an, die Müllabfuhr ist überfordert, wütende Demonstranten belagern das Kanzleramt. Müllwerker, Grünflächenamt und Bauern protestieren gemeinsam – letztere empört darüber, dass sie sich an strenge Düngeverordnungen halten müssen, während „Winklers heilige Elefanten die Hauptstadt vollscheißen dürfen“.
Die Autorin nutzt diese fäkale Satire geschickt für gesellschaftskritische Beobachtungen: Während die Elefanten CO2 ausstoßen und Phosphate ins Grundwasser leiten dürfen, kämpft die heimische Landwirtschaft mit Emissionsgrenzwerten und Vorschriften. Der rechte Politiker Fuchs kann die Stimmung für sich nutzen, Winklers Beliebtheit sinkt kontinuierlich.
Besonders gelungen ist die Schilderung der eskalierenden Demonstration, bei der Aktivisten einen Pflanzenberg anzünden und die Polizei durch Güllewälle zurückgedrängt wird. Schoeters zeigt neben der absurden Situation auch Winklers private Momente der Erschöpfung und Nostalgie, wodurch der menschliche Aspekt hinter der politischen Farce sichtbar wird. Der Roman zeigt eindrucksvoll, wie gut gemeinte Politik in absurde Realitäten umschlägt und dabei fundamentale gesellschaftliche Widersprüche offenlegt.
Gaea Schoeters‘ scharfe Feder
Ihr Stil pendelt virtuos zwischen nüchternem Politjargon und derber Komik – etwa wenn Bauern über „Winklers heilige Elefanten, die die Hauptstadt vollscheißen“ wettern oder der Landwirtschaftsminister den politischen Gegner als „brünstigen Bullen“ verspottet.
Die Autorin greift fäkale Übertreibungen auf, doch nie als Selbstzweck, sondern stets als Mittel für gesellschaftskritische Pointen. Besonders eindrucksvoll gelingen ihre Charakterisierungen: Politische Floskeln und Beraterjargon entlarven die hohle Phrasendrescherei der Machteliten, während sie Winkler in stillen Momenten eine unerwartete Menschlichkeit verleiht.
Gaea Schoeters‘ Sprache bleibt dabei präzise und verdichtet. Sie treibt die Groteske bewusst auf die Spitze, ohne die Glaubwürdigkeit ihrer Kritik zu gefährden. Lisa Mensing hat diese sprachliche Präzision in ihrer Übersetzung aus dem Niederländischen meisterhaft ins Deutsche übertragen. Das Ergebnis: eine erfrischend unverblümte Politiksatire, die mit ihrem direkten, ungeschönten Ton überzeugt und komplexe politische Zusammenhänge in prägnante, oft urkomische Bilder fasst.
Leseempfehlung für Das Geschenk
Ich habe die knapp 140 Seiten in kurzer Zeit verschlungen und spreche eindeutig eine Leseempfehlung aus. Auch wenn ich hin und wieder große Freude an der Reaktion der Bevölkerung gehabt hätte und gerne die ein oder andere Schlagzeile mit Text der journalistischen Berichterstattung gelesen hätte, hat mich „Das Geschenk“ gut unterhalten und zum Schmunzeln gebracht.
Details zum Buch: Das Geschenk von Gaea Schoeters
Übersetzt aus dem Niederländischen von Lisa Mensing
Erscheinungsdatum: 22.07.2025
144 Seiten
Verlag: Zsolnay
Hardcover
ISBN 978-3-552-07574-0
Weiterführende Links und Rezensionen
Wild beim Wild über die „Verbot der Einfuhr von Jagdtrophäen nach England“
Überrascht hat mich die Anfangsszene mit dem Obdachlosen, der den Elefant in der Spree sichtet und es hat mich an den Roman „Elefant“ von Martin Suter erinnert. Darin geht es auch um Elefanten und zwar um rosa Elefanten. Dabei handelt es sich im englischen und französischen Sprachraum, um eine stereotype Redewendung für eine alkohol- oder drogenbedingte Halluzination: den rosa Elefanten.
Das Geschenk von Gaea Schoeters im Lust auf Literatur Literaturblog
Ein Interview mit der Autorin im NDR „Vom Nashorn zur Elefantenparade: Gaea Schoeters über ihr neues Buch“
In Lesart vom Deutschlandfunk „Buchkritik: „Das Geschenk“ von Gaea Schoeters“
Marius Müller schreibt auf seinem Blog Buchhaltung über Das Geschenk von Gaea Schoeters
Literaturkritiker Daniel Scheck empfiehlt „Das Geschenk“ im WDR 3 Mosaik
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