Wir altern, Frauen wie Männer. Aber: Wir Frauen werden weit weniger Rente als die Männer bekommen. Für die Nudeln zahlen wir allerdings alle das gleiche. Woher kommt dieser „Gender Pension Gap“, also die ungleiche Rentenbehandlung zwischen Mann und Frau, und warum wird nicht endlich ein „Gender Noodle Gap“ eingeführt?
In ihrer Kolumne „Das feministische Greenhorn“ regt sich Susanne Constantin leidenschaftlich und mit spitzer Feder über Dinge auf, die uns Frauen heute, im 21. Jahrhundert, eigentlich längst nicht mehr beschäftigen sollten.
Pension für Beamte und gesetzliche Rente für normale Arbeitnehmer
Der Unterschied zwischen Rente und Pension liegt vor allem darin, wer Anspruch darauf hat und wie die Zahlungen berechnet werden. Die Rente dient der Altersversorgung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, die während ihres Berufslebens in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt haben. Eine Pension hingegen erhalten Beamte, Richter, Berufssoldaten, Pfarrer, Kirchenbeamte sowie andere Beschäftigte des öffentlichen Dienstes; sie basiert auf den letzten Bezügen und der Dauer der Dienstzeit und wird aus Steuern finanziert, denn Beamte zahlen nicht in die gesetzliche Rentenkasse ein.
Unter bestimmten Voraussetzungen ist es möglich, Rente und Pension gleichzeitig zu beziehen – etwa dann, wenn jemand sowohl in der gesetzlichen Rentenversicherung als auch in der Beamtenversorgung versichert war. In der Regel fällt die Pension höher aus als die Rente, da sie sich aus den durchschnittlichen Einkünften der letzten beiden Dienstjahre vor dem Ruhestand berechnet. (Quelle: Innenministerium)
Der Stereotype threat oder die höllische Angst vor der Matheklausur
Um mich als feministisches Greenhorn diesem Thema zu nähern, fange ich einfach mal bei mir selbst an. Als ich zur Schule ging, wurde mir nicht gerade die Riesenfreude an mathematischen Fächern vermittelt, oder besser gesagt: Ich hatte Riesenschiss vor dem Fach. Daran sei niemandem die Schuld gegeben, die Lehrkräfte, die Nachhilfelehrer, alle haben sich redlich bemüht – ich hatte nur einfach kein Verständnis für Zahlen und habe mich lieber mit Geschichte und Sprachen beschäftigt. Wenn man sich in Studien und internationalen Schulleistungsvergleichen umsieht, zeigt sich, dass sich die Unterschiede nicht (nur) in den Fähigkeiten, sondern vor allem in Einstellungen, Selbstvertrauen und Angst vor dem Scheitern widerspiegeln. Mädchen berichten häufiger von Prüfungsangst und geringerer Zuversicht in Mathematik, selbst wenn ihre Leistungen in vielen Ländern vergleichbar sind.
Ein wichtiger Mechanismus ist die sogenannte stereotype threat (stereotype Bedrohung): Wenn Mädchen Botschaften erhalten – explizit oder implizit –, dass Mathematik „typisch männlich“ sei, kann das ihre Leistung und ihre Bereitschaft, sich mit dem Fach auseinanderzusetzen, konkret mindern. Experimentelle Befunde zeigen, dass solche Rollen-/Stereotyp-Hinweise schon früh (Grundschulalter) Wirkung haben können. Das erklärt, warum viele Mädchen weniger Spaß an Mathe entwickeln: Was keinen Spaß macht, wird gemieden und schlechte Noten bestärken dann die Entscheidung, das Fach später seltener zu wählen. (Quelle: PISA Studie, oecd)
Die Folge: Weniger Frauen wählen die sogenannten MINT-Berufe, also Berufe in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, was wiederum der Wirtschaft zu schaffen macht. Das Wort Fachkräftemangel ist in aller Munde und in diesen Branchen sind die Frauen stark unterrepräsentiert. 2024 lag der Frauen-Anteil in den MINT-Berufen bei ca. 17 Prozent. In den Dienstleistungsberufen, im Bürojob und im kreativen Handwerk haben wir es mit dagegen mit über 60 Prozent an die Spitze geschafft.
Ein Auszug aus „Die Arbeitsmarktsituation von Frauen und Männern 2024“, Bundesagentur für Arbeit, September 2025:
Allgemein arbeiten Frauen eher im Dienstleistungssektor, während Männer vor allem in der Industrie sowie im Baugewerbe tätig sind (Abb. 6). Im Juni 2024 waren knapp 4,1 Millionen Frauen sozialversicherungspflichtig beschäftigt, was einem Frauenanteil von 77 % im Gesundheits- und Sozialwesen entspricht. Dieser Wirtschaftszweig bleibt damit der Bereich mit den meisten Frauen. Auch im Bereich Erziehung und Unterricht ist der Frauenanteil hoch (72 %; 1,0 Millionen Frauen). In den sonstigen Dienstleistungen, wie Friseur- und Kosmetiksalons, und in der öffentlichen Verwaltung sind etwa zwei Drittel der Beschäftigten Frauen.
Von Männern dominiert ist vor allem der Bergbau sowie das Baugewerbe – hier sind fast 9 von 10 Beschäftigten Männer (49.000 bzw. 1,7 Millionen). Im Bereich Verkehr und Lagerei und im Verarbeitenden Gewerbe waren rund 3 von 4 Beschäftigten Männer (1,4 bzw. 5,0 Millionen).
Die unterschiedliche Verteilung der Geschlechter auf die Branchen hat vielfältige Folgen. Sie beeinflusst saisonale und konjunkturelle Beschäftigungsmuster, geschlechtsspezifische Veränderungen der Arbeitslosenzahlen im Jahresverlauf und die erzielten Entgelte.
Warum verdienen Frauen oft weniger als Männer, obwohl sie die gleiche Arbeit leisten?
Wie viel erhält eine Büroangestellte im Vergleich zu einem Büroangestellten? Und wieviel kostet ein Paket Nudeln?
Laut der Arbeitsagentur verdient der durchschnittliche Büromensch 3.820 Euro brutto, Büromann4.434 Euro brutto und Bürofrau 3.625 Euro (Quelle: Arbeitsagentur).
Ein Paket Nudeln kostet durchschnittlich 2,50 Euro, unabhängig vom Geschlecht des Käufers. Das Problem liegt nicht im Preis der Nudeln sondern, dass Frauen in vielen Berufen bei gleicher Ausbildung und Arbeitszeit weniger verdienen als der Typ im Büro gegenüber. Das gilt auch, wenn wenn sie keine Kinder betreuen oder pflegebedürftige Angehörige versorgen.
Wie viele Frauen und wie viele Männer sind in derzeit in Deutschland in Führungspositionen? Eine einfache Recherche im weltweiten Netz zeigt, dass laut Statistischen Bundesamte im Jahr 2024 nur knapp jede dritte Führungskraft (29,1 Prozent) weiblich war.
(Quelle: destatis.de).
Woran liegt das? Am fehlenden Mut, Karriere zu machen? An Chancen? Oder bevorzugen die männlichen Führungskräfte, unter sich zu bleiben?
„Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?“
Ein bekanntes Szenario: Eine junge Frau Mitte zwanzig sitzt im Bewerbungsgespräch und wird gefragt, wo sie sich in fünf Jahren sieht. Wird sie eine verantwortungsvollere Rolle übernehmen? Oder stellt sich der Arbeitgeber sie in einer Wohnung mit Kinderwagen vor der Tür vor, verliebt und in Elternzeit? Diese unausgesprochene Vorstellung wirkt leise, aber nachhaltig und verhindert Karrierechancen. So ergeht es vielen Frauen: Im Jahr 2024 arbeiteten in Deutschland rund 50 % der erwerbstätigen Frauen in Teilzeit, aber nur 13 % der erwerbstätigen Männer.
Wozu führt das? Dieses Problem ist nicht unbekannt und wird nicht totgeschwiegen. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) warnt in einem aktuellen Bericht davor, dass mit jedem weiteren Kind die Rentenlücke wächst. Hier sprechen wir vom sogenannten „motherhood pension gap“: Denken wir an alleinerziehende Mütter, an Frauen die mehrere Kinder bekommen und längere Erwerbsunterbrechungen haben. (Quelle: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung e.V. (DIW Berlin)
Geringere Einzahlung in die Rentenkassen führt zu weniger Nudeln auf dem Teller
Unterbrechungen der Arbeit, Pflege von Angehörigen und Teilzeitarbeit sind Beispiele, die zu niedrigeren Renten führen. Wer nicht rechtzeitig spart, riskiert Altersarmut und kann sich vielleicht keine Nudeln mehr leisten, geschweige denn Tomatensoße.
Ohne Risiko, kein Gewinn
Um zu sparen, sollte man sein Geld gewinnbringend anlegen. Hier kommt das leidige Thema Finanzen ins Spiel: Ich mochte Zahlen schon in der Schule nicht, warum sollte ich mich jetzt damit beschäftigen? Wenn ich alleine schon Begriffe wie Anleihen, Aktien, Wertpapiere, gefolgt von Exchange traded fund, Bitcoins und Kryptowährungen höre, bildet sich in mir eine Mauer. Ich stelle mir den Bankberater vor, der über Dinge spricht, die mir Angst machen, weil sie riskant sind. Aber Risiko kann auch bedeuten, dass man gewinnt.
Der Gender Pension Gap beträgt in Deutschland etwa 39 Prozent
Und damit kommen wir zum Unterschied in der Rentenbehandlung zwischen Mann und Frau. Frauen erhalten im Alter von 65 Jahren und älter durchschnittlich 18.700 Euro brutto im Jahr, Männer rund 25.600 Euro (Stand 2023, Quelle: destatis.de). Der Gender Pension Gap liegt in Deutschland bei ca. 39 Prozent. Frauen bekommen also etwas mehr als die Hälfte der Rente von Männern.
Bei unseren derzeitigen Lebenskosten, wie Miete, Auto, Essen, Telefon, Kleidung usw., ist es schon schwierig, von einem durchschnittlichen Gehalt zu leben. Wenn ich mir vorstelle, als Ruheständlerin noch einmal 10.000 Euro weniger pro Jahr zu haben, wird mir angst und bange. Und wenn ich daran denke, dass Männer und Frauen dieselben Lebensleistungen erbracht haben, kochen meine Nudeln über.
Vergleich A – CH
Österreich: Gemäß demDachverband der Sozialversicherungsträger betrugen die durchschnittlichen Alterspensionen 2023 bei den Frauen 1.409 Euro und den Männern 2.374 Euro brutto. Der Gender Pension Gap liegt in Österreich somit bei knapp 40 Prozent. (Quelle: statistik.at)
Schweiz: Im Jahr 2022 betrug die durchschnittliche jährliche Gesamtrente von Frauen 36.433 Franken; jene der Männer 52.672 Franken. Die Rente der Frauen war somit um 16 239 Franken tiefer als jene der Männer, was einem Gender Pension Gap von fast 31 Prozent entspricht. (Quelle: bfs.ch)
Das Nudel-Fazit
Gegen den fehlenden Gender-Noodle-Gap können wir kurzfristig vielleicht nicht viel tun, aber wir können uns um uns selbst kümmern.
- Schauen wir uns an, wie hoch unsere Rente bzw. Pension einmal sein wird und entscheiden dann, welche Schritte wir unternehmen sollten.
- Lassen wir uns Kindererziehungs- und Pflegezeiten anrechnen.
- Nutzen wir die betriebliche Altersvorsorge und freuen wir uns über den Arbeitgeberanteil.
- Bauen wir einen Notgroschen auf. Kleinvieh macht auch Mist, vor allem, wenn es gut angelegt wird.
- Keine Angst vor Bänkern mit gestärkten Hemden.
- Schauen wir uns mal unseren Versorgungsausgleich und Güterstand an. Wir sollten wissen, was auf uns zukommt, wenn eine Beziehung endet.
Weitere Links zum Thema Gender Pension Gap
Hans-Böckler-Stiftung: „Frauen im Alter benachteiligt“
SWR: „Rente: Darum sind Frauen häufiger von Altersarmut betroffen“
TAZ: „Altersarmut bei Frauen400 Euro weniger Rente“
Bundesstiftung Gleichstellung: „Gender Pension & Gender Wealth Gap“

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