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Was geschieht, wenn 20.000 Elefanten plötzlich durch Berlin spazieren? Diese scheinbar absurde Frage ist der Ausgangspunkt für Gaea Schoeters brillante Politsatire „Das Geschenk“. Ein Roman, der auf einer tatsächlich stattgefundenen diplomatischen Provokation basiert.
Im April 2024 bot der botswanische Präsident Mokgweetsi Masisi Deutschland 20.000 Elefanten an (-> YouTube-Video zur Meldung). Der Grund: Deutschland wollte die EU-Einfuhrbeschränkungen für Jagdtrophäen verschärfen. Die damalige Umweltministerin Steffi Lemke von den Grünen befürwortete weitere Restriktionen zum Schutz der Elefanten. Doch in Botswana sah man das anders.
Das Land hat ein Elefantenproblem. Allerdings anders, als man im Westen denkt. Zu viele Elefanten verursachen massive Konflikte zwischen den Großtieren und den Bauern vor Ort. Die Bedingung des Präsidenten war klar: Die Elefanten müssen frei in Berlin herumlaufen können. Eine perfekte Provokation, die die Widersprüche westlicher Moralpolitik entlarvt.
Belgiens Parlament verabschiedete im Januar 2024 einstimmig ein Einfuhrverbot von Jagdtrophäen. Auch Frankreich und Finnland haben Verbote für bestimmte Tierarten erlassen (Quelle: humaneworld.org). In Deutschland gilt bis heute kein Verbot, aber strenge Regeln (Quelle: bfn.de).
Literarische Brillanz auf 140 Seiten
Gaea Schoeters verwandelt diese reale Begebenheit in eine messerscharfe Satire. In ihrem kompakten Roman von 144 Seiten lässt sie die Dickhäuter in Berlin auftauchen. Sie baden in der Spree, durchstreifen den Tiergarten und verursachen Verkehrschaos. Bundeskanzler Hans-Christian Winkler steht vor einem unlösbaren Problem: Zunächst sind es 38 Elefanten, dann 55 – von der Dunkelziffer ganz zu schweigen.
Politische Satire trifft auf menschliche Abgründe
„Das Geschenk“ ist mehr als eine unterhaltsame Satire. Es ist eine Parabel über die Widersprüche westlicher Moral und kolonialer Denkstrukturen. Die gut gemeinte Umweltpolitik Deutschlands entpuppt sich als eurozentristische Bevormundung, die die realen Probleme der Menschen vor Ort ignoriert.
Gaea Schoeters zeigt, wie schnell moralische Überlegenheit in Absurdität umschlägt, wenn man mit den Konsequenzen der eigenen Politik konfrontiert wird. Die Elefanten in Berlin sind nicht nur ein groteskes Bild, sie sind ein Spiegel, der die Heuchelei und Doppelmoral europäischer Politik schonungslos reflektiert.
Die Kunst der Übersetzung: Lyonerwurst im Kaffee
Besonders spannend sind die Einblicke in den Übersetzungsprozess. Ein Detail zeigt exemplarisch die kulturellen Herausforderungen: In der Originalversion tunkt eine Figur ihr Brötchen mit Lyonerwurst in ihren Kaffee. Lisa Mensing rief sofort an: „Das geht überhaupt nicht. Kein einziger Deutscher tunkt Wurst im Kaffee.“
Doch Gaea Schoeters hatte einen guten Grund für diese Szene. In Belgien machen das vor allem Arbeiter auf Baustellen, und sie wollte damit andeuten, aus welchem sozialen Hintergrund die Figur stammt. Autorin und Übersetzerin brainstormten länger als einen Tag, um eine kulturell passende Alternative zu finden, die die gleiche Bedeutung transportiert.
Elefanten mit allen Sinnen erfassen
Die Beschreibungen der Elefanten sind von beeindruckender Präzision. Gaea verrät ihr Geheimnis: Sie schaut sich YouTube-Videos an, weil man dort mehr Details sieht als in der Realität. Man kann pausieren, vergrößern, Details mehrfach anschauen. Während sie diese Bilder studiert, entsteht gleichzeitig die Geschichte. Das Beobachten als Recherche triggert in ihrem Kopf, was passiert – beides gehört zusammen.
Ein Beispiel aus dem Buch zeigt diese Detailliebe: Der Elefant am Flussufer, der zögerlich mit der Rüsselspitze das ungewohnt kalte Wasser prüft, unbehaglich die Ohren rotieren lässt, gierig trinkt und dabei die Augen genüsslich schließt. Die aufgehende Sonne färbt das Tier gelb-grau ein, Wassertropfen glitzern im Sonnenlicht. Ein Film, der beim Lesen im Kopf abläuft.
Fazit zu „Das Geschenk“
„Das Geschenk“ ist ein kleines literarisches Juwel, das mit nur 140 Seiten mehr bewirkt als mancher Wälzer. Schoeters gelingt es, eine komplexe politische Debatte in eine unterhaltsame, absurde und doch tiefgründige Geschichte zu verwandeln. Ein Buch, das zum Nachdenken anregt und gleichzeitig herrlich unterhält.
Über die Autorin: Gaea Schoeters

Gaea Schoeters, ist 1976 geboren und eine flämische Autorin, Journalistin, ausgebildete Dolmetscherin und Drehbuchautorin.
Sie ist Teil des niederländisch-flämischen Kollektivs Fixdit, einer Vereinigung von zwölf Autorinnen, die sich für mehr Gleichberechtigung in der Literaturbranche einsetzt.
Als klar war, dass ihr Roman ins Deutsche übersetzt werden würde, lernte Schoeters Deutsch, um Lesungen und Interviews auf Deutsch halten zu können.
Für »Trophäe« wurde sie mit dem Literaturpreis Sabam for Culture ausgezeichnet. Sabam ist die belgische Gesellschaft der Urheber, Komponisten und Verleger.
2024 ist ihr Roman »Trophäe« aus dem Niederländischen von Lisa Mensing, bei Zsolnay erschienen.
Über die Übersetzerin: Lisa Mensing
Lisa Mensing lebt in Münster und arbeitet als Literaturübersetzerin. In Utrecht und Münster hat sie Interdisziplinäre Niederlandistik und Literarisches Übersetzen studiert und ihr Studium mit dem Master of Arts abgeschlossen.
Sie übersetzt Prosa, Theaterstücke, Essays, Libretti und Poesie aus dem Niederländischen, moderiert mit großer Freude Lesungen und schreibt Gutachten für verschiedene Verlage. 2018 wurde sie von der Dutch Foundation for Literature und Flanders Literature als Übersetzerin akkreditiert.
Seit 2021 ist sie Mitglied im Verband deutscher Übersetzer:innen (VdÜ). 2024 erhielt sie den Förderpreis des Literaturpreises der Kunststiftung NRW – den Straelener Übersetzerpreis – für ihre Übersetzung von Caro Van Thuynes Birkenschwester.

Themen dieser Folge
- Wie aus einer diplomatischen Provokation ein literarisches Meisterwerk wurde
- Warum Gaea Schoeters extra Deutsch lernte, um ihr Buch vorzustellen
- Die Herausforderungen der Übersetzung: Warum Deutsche keine Wurst in Kaffee tunken
- Schoeters‘ Methode: Wie YouTube-Videos beim Schreiben helfen
- Die politische Dimension: Westliche Moralpolitik trifft auf afrikanische Realität
- Einblicke in die enge Zusammenarbeit zwischen Autorin und Übersetzerin
Shownotes
06:20 Warum hast du 20.000 Elefanten nach Berlin geschickt?
07:44 Das Buch hat knapp 150 Seiten, stand das von vorneherein fest?
09:26 „Das Geschenk“ in Originalsprache gelesen von Gaea Schoeters
11:23 Schöne Tierszenen in „Das Geschenk“
12:16 War die Übersetzung einfacher?
13:03 Paralleles schreiben und übersetzen
13:43 Lyoner und Kaffee
14:38 Viel Brainstorming im Übersetzunngsprozess
15:11 „Das Geschenk“ auf Deutsch gelesen von Lisa Mensing
17:24 Elefantenbeobachtung um gut zu beschreiben
18:29 Welche Geschichte sollte als Fanfiction erzählt werden?
19:09 Was lesen Gaea und Lisa gerade?
19:46 Was wird es neues geben?
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22:03 Teil 1: Trophäe
„Das Geschenk“ von Gaea Schoeters, übersetzt von Lisa Mensing
Verlag: Zsolnay
Seitenanzahl: 144 Seiten
ISBN: 978-3-552-07574-0
Erscheinungstag: 22.07.2025
Affiliate-Links*:
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Weitere Rezensionen und Kritiken zu „Das Geschenk“
Gaea Schoeters‘ „Das Geschenk“: Politische Satire über 20.000 Elefanten, die Berlin erobern – valerie-wagner.de
Rezension von „Das Geschenk“: eine herrliche politische Satire über den Irrsinn unserer Zeit – dieschreibmaschine.net
Gaea Schoeters: „Das Geschenk“ – kommunikativeslesen.com
DAS GESCHENK von Gaea Schoeters – lust-auf-literatur.com
Das Geschenk von Gaea Schoeters – lauschige-lesezeit.de
20.000 Elefanten in Berlin – Das Geschenk von Gaea Schoeters – das-buchzuhause.de
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